Gone East - Interview mit Klaudia

Wann bist du nach Ostdeutschland gekommen?

Im August 1992.

 

Wo hast du zuerst gewohnt?

In der Nähe von Zwickau, in Sachsen.

 

Wie war es dazu gekommen?

Mein Ex-Mann ist im Dezember 1990 hierhergekommen und hat sich umgeschaut. Als KFZ-Sachverständiger hatte er im Westen keine Chance in die Werkstätten reinzukommen. Hier im Osten gab es das ja gar nicht und da hat er sich hier selbständig gemacht. Und ich bin mit den vier Kindern zwei Jahre später, als unsere Jüngste 2 war, hinterher.

 

Was hat er da genau gemacht?

Er war KFZ-Sachverständiger und hat Unfallautos rekonstruiert oder generell Unfallgeschehen. Er hat anhand der Bilder nachgewiesen, wer wem reingefahren ist, wie schnell einer war und alles solche Scherze.

 

So etwas gab es vor der Wende noch nicht?

Jein. Es gab Sachverständige, aber nur von der Allianz, weil die Allianz die einzige Versicherung hier war. Genug zu tun gab es. Zum Beispiel die A72 bei Zwickau war nur für 100 km/h ausgelegt und zweispurig ohne Mittelstreifen. Die Westautos fuhren schneller und die Fahrer haben oft ihre Geschwindigkeit nicht angepasst.

 

Was für Erfahrungen hat dein Ex-Mann hier beruflich gemacht?

Als Sachverständiger kamst du nur an Aufträge, wenn du Telefon hattest. Telefon hatten aber nur Ärzte, Geschäfte und Leute mit Verantwortung und ein paar gewisse Haushalte. Wir hatten das Glück, dass eine Bekannte von mir ein Kinderfachgeschäft von der HO übernommen hatte, mit einem Telefon darin. Dort konnte mein Mann dann angerufen werden, er hatte sein Büro im ersten Stock. Die Bekannte ist dann hoch und hat ihm gesagt, wo er hinfahren sollte für einen Auftrag. Die Straßennamenänderungen waren auch sehr interessant. Lange, lange Jahre haben die Leute noch die alten Straßennamen verwendet. Leninplatz und andere rote Straßennamen. Mein Mann musste also beide Namen im Kopf haben, um die Unfälle zu finden. So waren die Anfänge. Als es dann richtig losging mit der Firma, bin ich mit den Kindern nachgekommen.

 

Wie war dein Start in Sachsen? Hattest du Schwierigkeiten?

Ich hatte tatsächlich Probleme, vor allem sprachbedingt. Alle meine Bekannten sprachen Sächsisch. Und es gab auch Vorurteile Wessis gegenüber.

 

Welche waren das?

Ja, viele äußerten Sätze wie: „Ihr kommt nur her, um uns abzuzocken.“ Mir wurde oft aufs Butterbrot geschmiert, dass wir uns zwei Autos leisten konnten. Ich meine, mit vier Kindern, wie willst du das machen? Und dass wir eine große Wohnung hatten, kam nicht gut an. Wir hatten von zwei Dreiraumwohnungen die Trennung in der Mitte rausgenommen. Dadurch hatten wir ein komplettes Badezimmer und eine komplette Küche. Die Nachbarn, die die Teilung noch hatten, hatten das Bad in der Küche oder die Küche im Bad. Auf der halben Treppe hatten wir im Haus auch schon moderne Toiletten. Die Nachbarhäuser hatten dort Plumpsklos.

 

Mit welchen Unterschieden hattest du Probleme?

Ich hatte vor allem Probleme mit dem, was die Kindererziehung anging. Ich hatte den Eindruck, die Erziehung hinkte der im Westen eine Generation hinterher. Da gab es noch das „schöne“ Händchen. Kindern, die ihre linke Hand ausstreckten, wurde gesagt: „Gib mir mal das schöne Händchen.“ Und alle Bekannten der Kinder wurden Onkel und Tante genannt, auch ohne verwandtschaftliche Beziehung. Die Nachbarin war die „Tante“.
Für mich war auch ganz schlimm, die Uhrzeit neu zu lernen. Weil ich das System nicht kannte. Ich kanntw nur viertel vor und viertel nach. Halb, dreiviertel, fünf vor dreiviertel, zehn vor halb statt zwanzig nach. Heute weiß ich das, aber damals war das schon heftig.

 

Am Anfang warst du, im Gegensatz zu den meisten Frauen und Müttern in deinem neuen Umfeld, noch nicht berufstätig. Weißt du noch, wie die Reaktionen darauf waren?

Ja, es gab viel Neid und Unverständnis, wie wir uns zwei Autos leisten konnten, wo ich doch den ganzen Tag zu Hause sei.

 

1993 ist deine Jüngste dann mit 2 in den Kindergarten gekommen. Wie waren deine Erfahrungen auf diesem Gebiet?

Der Kindergarten war sehr gewöhnungsbedürftig. Die hatten dort im Dorfkindergarten teilweise noch sehr enge Ansichten. Ich habe dann meine Kinder im Nachbarort in den Kindergarten getan, dort war es sehr modern und die Erzieherinnen waren insgesamt auch jünger. Dort war es gut gemischt. Also, nicht so locker, wie im Westen, dass die Kinder machen durften, was sie wollten. Das hatte ich auch schon mit meiner Ältesten im Kindergarten in den alten Bundesländern erlebt. Hier war auch manchmal mehr Druck für die Kinder. In diesem Kindergarten wurde aber auch Englisch angeboten, das war in den frühen Neunzigern schon allerhand. Manchmal gab es Kommunikationsschwierigkeiten. Als ich einmal nachmittags kam, hieß es: „Wir haben eine Havarie!“, und ich darauf: „Wer ist krank?“, „Nein, wir haben kein Heizöl mehr. Die Kinder sind alle in der Turnhalle, die ist warm.“ Später am Tag kam dann der Tankwagen.

 

Welche Erwartungen waren für dich an den Umzug nach Sachsen geknüpft?

Ich wollte, dass mein Mann nicht mehr die 500 Kilometer fahren muss, um uns zu sehen. Ich wollte also das Familienleben normalisieren. Andere Erwartungen hatte ich nicht, zumal ich ja die Gegend von Besuchen her schon kannte.

 

Als dein Hauptgrund für den Umzug wegfiel – als ihr euch scheiden lassen habt – hast du da überlegt, in die alte Heimat zurückzukehren?

Nein, überhaupt nicht. Ich wollte zuerst noch für meine Kinder da sein. Die waren zwar schon teilweise aus dem Haus, aber mir war das ein Bedürfnis, für sie da zu sein. Einige Zeit später habe ich dann einen Mann kennengelernt und bin zu ihm in die Schweiz gezogen. Und als diese Beziehung in die Brüche ging, bin ich nach Köln zu meinem Bruder gezogen. Dort habe ich es aber nur zwei Jahre ausgehalten, weil es arbeitstechnisch nicht gepasst hat. Ich brauchte drei Jobs, um zu überleben. Nur Nebenjobs oder so Jobs, an denen man kaputtgeht. Dann beschloss ich, zu meiner jüngsten Tochter nach Leipzig zu ziehen.

 

Also bist du zweimal in den Osten gezogen? Was war beim zweiten Mal anders?

Leipzig ist eine Großstadt, bei Zwickau haben wir auf dem Dorf gelebt. Nach Halle hat mich dann die Liebe gezogen. Aber völlig fremd war mir der Osten in der Zwischenzeit ja nicht geworden. Ich hatte auch die ganzen Jahre Kontakt zu meinen Töchtern und zu meiner ehemaligen Arbeitskollegin, mit der ich den Hundefriseurladen hatte. Jetzt gehe ich auch nicht mehr weg. Ich hab’s nie bereut, hierhergekommen zu sein.

 

Vielen Dank für deine Geschichte!

 


Hintergrund:

Klaudia und ich sind Nachbarinnen, wir teilen uns einen Innenhof. Der Sandkasten meiner Tochter steht vor ihrem Küchenfenster. Dazwischen eine Bank. Als ich dort vor ein paar Jahren an einem Sommertag im Schatten saß, hörte ich, wie Klaudia telefonierte. Sie hat sich auch nach 30 Jahren im "Exil" ihren Dialekt, das Altenahrer Platt, erhalten. Für mich mit meinem damals noch heimwehgeplagten Herzen klang es so wunderbar nach der Region Köln-Bonn und damit nach NRW und Heimat, dass ich sie einfach ansprechen musste. Seitdem ist sie wie eine Bonusmutter und –oma für uns alle geworden.

 

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