Jugendweihe - immer noch?!

Bald ist es März, bald sind sie wieder da. Typisch ostdeutsche Glückwunschkarten zur Jugendweihe.

Ich erinnere mich noch genau, was ich dachte, als ich vor sechs Jahren in Halle zum ersten Mal vor einem Drehständer mit Glückwunschkarten zur Jugendweihe stand: "Was, die gibt es immer noch?!" Die Jugendweihe steht definitiv in der Reihe "vorurteilbehaftetes Wessi-Halbwissen" ganz oben, so war es auch bei mir, und verdient daher einen eigenen Blogbeitrag.

Natürlich hatte ich schon von der Jugendweihe gehört, ich kannte mich aus, dachte ich. Ein pseudo-religiöses Ritual, ersonnen von der SED-Regierung, obsolet, veraltet und irgendwie anrüchig. Gesichert wusste ich nur, dass sich Jugendliche vor 1989 entscheiden mussten, ob sie zur Konfirmation oder zur Jugendweihe gehen wollten. Verweigerten sie die Jugendweihe, mussten sie mit Repressalien rechnen. Dass es auch möglich war, beide Feiern nacheinander zu feiern, lernte ich erst später. Und so dachte ich, dass jugendgeweihte Jugendliche und ihre Familien zu den ganz Überzeugten gehören mussten.

Mit diesen Gedanken im Kopf erschien es mir absolut unverständlich, warum es knapp 30 Jahre nach Mauerfall immer noch Jugendweihen gab. Nach und nach und durch beständiges Nachfragen erfuhr ich, dass es viel mit Tradition zu tun hat. Gingen die Eltern hin, wollten es auch die Kinder. An sich ist der feierliche Eintritt in das Erwachsenenalter eine wichtige Sache. Die Jugendweihe gehört zu den Initiationsriten, wie sie in fast allen menschlichen Kulturen vorkommen. Nancy Huston, die kanadische Autorin, bedauert in ihrem jüngsten, essayistischen Werk Anima laïque - À la recherche d'une spiritualité laïque (Actes Sud), dass der atheistische Mensch keine Rituale, vor allem keine des Übergangs, mehr kenne. Es sei aber wichtig, das Verstreichen der Zeit zu markieren und ihm Bedeutung zu verleihen. Scheinbar sind sie hier in der Region schon etwas weiter.

Mein Freundeskreis ist geteilt. Die einen sind in ihrer Jugend zur Jugendweihe gegangen, die anderen nicht. Es ist heutzutage eine freie Entscheidung. Zugegeben, ein bisschen ködert man die Jugend schon - so bieten die Tanzschulen vor der Jugendweihe ermäßigte Preise an, und wer schwimmt als Teenager schon im Geld? Die Feiern werden von den Schulen organisiert, niemand führt mehr Buch darüber, wer nicht hingegangen ist, und getanzt wird in den großen Sälen der Stadt. Jedenfalls hier in Halle. Es gibt sogar einen Verein, der sich um die Organisation kümmert.

Ich habe meinen Frieden mit dieser Veranstaltung gemacht. Den Jugendlichen Respekt entgegenzubringen und sie zu feiern, kann nie schaden. Eventuell gehe ich ja in 10 Jahren auch mal hin. Natürlich in der Hoffnung, dass sich mein Sprössling danach auch wirklich wie eine Erwachsene benimmt. Nun ja, das klappt aber auch bei der Konfirmation/Firmung nicht immer.

Wie sind eure Erfahrungen? Schreibt gerne einen Kommentar!

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Kommentare: 2
  • #1

    Tanja (Freitag, 08 März 2019 10:59)

    Mein Kind hatte Jugendweihe und der Wessiteil der Familie fand das komisch. Wollte gar nicht kommen. Erst als ich sagte "Wie ne Konfirmation, nur ohne Kirche, also genauso wichtig!" kamen alle und waren von der Feier ganz begeistert.

  • #2

    Annett (Samstag, 09 März 2019 10:49)

    Mein Bruder und ich hätten natürlich eine Jugendweihe. Und haben uns darauf gefreut den Übergang ins Erwachsenenalter zu begehen..es gab auch einige die kirchlich gefeiert haben.. aber das diese in irgendeiner Form bestraft wurden, ist mir nicht bekannt.